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Die Geschichte der Seide

Vermutlich hat die Kaiserin Kaiserin Se-ling-schi die ersten Seidenkokons im dritten Jahrtausend vor Christus in ihrem Garten gefunden. Foto: © tanyastock / stock adobe

Weiche glänzende Seide und ihre Geschichte faszinierten die Menschen bereits in der Vergangenheit. Auch in der Gegenwart trifft der geschmeidige Stoff auf Wohlwollen.

Wann und wie das erste Seidengewand entstand bleibt ungeklärt. Jedoch besagt die Legende, die sagenumwobene Kaiserin Se-ling-schi habe die ersten Seidenkokons im dritten Jahrtausend vor Christus in ihrem Garten gefunden. Seither als Schutzgöttin der Seidenraupen verehrt, soll die schöne Herrscherin China in ein neues Zeitalter geführt haben.

Die Entdeckung der Seide

Laut Überlieferung liegt die Entdeckung der Seide mehr als 5.000 Jahre zurück. Über den Ursprung der feinen Fäden ranken sich mehrere Legenden. Eine Geschichte erzählt von Se-ling-schi und ihrem Gatten Kaiser Huang Di, die durch Zufall das Geheimnis der Seidenherstellung herausfanden.

Eine andere benennt Urkaiser Fu Xi als Chinas „Vater der Seide“. Er soll die Seidenraupenzucht kultiviert haben, um mit den Fäden sein Musikinstrument zu bespannen.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Beweise für diese Überlieferungen. Forscher fanden jedoch heraus, dass die Seidenherstellung zwischen 2.700 und 2.600 vor Christus begann. Mithilfe der Radiokarbonmethode untersuchten sie einen außergewöhnlichen Fund, den eine archäologische Ausgrabung zutage förderte: ein die Jahrtausende überdauerndes Seidenstück. Dessen Entstehung ging auf das Jahr 2.750 vor Christus zurück.

Seide – eine Geschichte mit vielen Geheimnissen

In den feinen Stoff, der aus den Seidenfäden entstand, kleideten sich in China die kaiserliche Familie sowie hohe Würdenträger. Bis zum sechsten Jahrhundert nach Christus hüteten die Chinesen das Geheimnis, wie sie die Seide gewannen. Dennoch gelangten Seidengewänder über die ersten Handelswege nach Europa.

Eine dieser Handelsrouten trug den wertvollen Stoff sogar im Namen: die Seidenstraße. Das über 6.000 Kilometer lange Wegenetz entstand um 200 vor Christus und führte von China bis zur Mittelmeerküste. Neben Seide gelangten auf diesem Weg Tee, Gewürze und Porzellan nach Europa.

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Was war die Muschelseide?

Obgleich die Seide und ihre Geschichte in China ihren Ursprung nahmen, kannten bereits die Menschen der Antike eine Art Seidenstoff. Der berühmte Philosoph Aristoteles berichtete bereits 350 vor Christus von der Muschelseide. Dieses „coische Gewebe“ stammte von der Großen Steckmuschel. Diese nutzte die robusten Byssus-Fäden, um in den Unterwasserwiesen im Mittelmeer Halt zu finden.

Allerdings produzierte eine Steckmuschel nur eine geringe Menge Muschelseide. Um ein Kilogramm der Fäden zu erhalten, brauchte es bis zu 3.000 der großen Schalentiere. Die Ernte fand so lange statt, bis die Große Steckmuschel – auch Edle Steckmuschel genannt – kurz vor der Ausrottung stand.

Aufgrund ihrer Höhe von bis zu 1,20 Metern handelt es sich um die europaweit größte Muschel. Bis heute ist sie in den Küstenregionen des Mittelmeers heimisch, jedoch unmittelbar vom Aussterben bedroht.

Bei der Muschelseide handelte es sich im Vergleich zu Seidenfäden aus China um ein robusteres Gewebe mit goldenem Schimmer. In der Antike bestanden hauptsächlich Verzierungen von Gewändern aus dem Stoff, der aufgrund seiner Stabilität der modernen Nylonfaser geglichen haben soll.

Die Seide erreicht Europa

Im Vergleich zur Muschelseide fühlte sich die Chinaseide weicher und geschmeidiger an. Daher glaubten die Europäer lange, es handele sich um einen zarten Flaum, der von Bäumen stamme. Mehr als 3.000 Jahre behielten die Chinesen das Geheimnis der Seidenherstellung für sich.

Dann jedoch gelangte Seide laut einer Geschichte durch eine chinesische Kaisertochter nach Kothan. Eine andere Überlieferung erzählt von zwei Mönchen, die 522 nach Christus nach Byzanz pilgerten.

In ihren Spazierstöcken verbargen sie Eier der Seidenspinnerraupe sowie Maulbeerbaumsamen. Die Blätter des Baums dienten als Nahrungsquelle für die wertvollen Tiere. Durch den Einfluss der Mönche sollen die Seidenraupenzucht sowie die Seidenproduktion in Europa begonnen haben.

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Seidenmetropolen in Europa

Von Byzanz aus verbreitete sich das Wissen um die Seidenproduktion bis nach Griechenland. Auch die Araber erfuhren, wie sie den wertvollen Stoff herstellen konnten. Von 711 bis 1492 herrschten die Mauren in Spanien. Um 800 nach Christus erbauten sie dort die ersten Werkstätten für die Seidenherstellung.

Rund 150 Jahre später lernten schließlich auch die Italiener, wie Seide entstand. Die erste Fertigungswerkstatt gründeten sie in Palermo, wodurch sich die sizilianische Stadt zu einer von Europas ersten Seidenmetropolen entwickelte. Zu den weiteren Seidenzentren gehörten später:

  • Lucca
  • Venedig
  • Florenz
  • Genua
  • Pisa
  • Bologna

Durch die feine Qualität der Gewänder und deren aufwendige Muster führten die Italiener bis ins 16. Jahrhundert die europäische Seidenproduktion an.

Die Franzosen, die das zarte Gewebe ebenfalls zu schätzen wussten, importierten es zunächst aus Italien. Aufgrund der hohen Nachfrage entschied jedoch König Louis XI, eine eigene Seidenproduktion ins Leben zu rufen. Dafür kauften die Franzosen Rohseide und engagierten italienische Weber.

Bis ins 19. Jahrhundert florierte das Geschäft mit der Seide sowohl in Italien als auch in Frankreich. Im Jahr 1845 folgte jedoch die Katastrophe. Aufgrund der nicht behandelbaren Fleckenkrankheit verendeten alle Seidenraupen in Europa. Der Verlust der Tiere sowie der teure Export neuer Raupen aus Asien kostete zahlreiche Seidenwerkstätten die Existenz.

Anwendung der Seide heute

Die heute in verschiedenen Branchen verwendete Seide stammt hauptsächlich aus China, Usbekistan und Indien. In Südamerika befinden sich die bedeutenden Produktionsstätten in Brasilien. Über 60 Länder weltweit stellen das feine Gewebe her. Aufgrund des hohen Preises macht es jedoch weniger als ein Prozent des globalen Fasermarkts aus.

Hauptsächlich findet Seide in hochwertiger Kleidung und Reizwäsche sowie in Heimtextilien Verwendung. Designer und Verbraucher schätzen den Stoff aufgrund zahlreicher positiver Eigenschaften:

  • geschmeidige Struktur
  • geringes Eigengewicht
  • schöner Glanz
  • hohe Hautverträglichkeit
  • hohe Elastizität
  • Unempfindlichkeit gegenüber Gerüchen
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Mit der richtigen Pflege punktet Seide zudem mit einer langen Lebensdauer.

Übrigens: Obgleich das Seidenpapier das Wort „Seide“ im Namen trägt, befindet sich darin keine Seidenfaser. Stattdessen besteht es aus Zellulose. Seine Bezeichnung verdankt es jedoch der geschmeidigen Haptik, die an den Seidenstoff erinnert.

Aufgrund der leicht transparenten und glänzenden Optik sowie der weichen Oberfläche bietet sich Seidenpapier als Verpackungsmaterial hochwertiger Produkte an. Viele Versandhäuser und Onlineshops verschicken elegante Seidenkleidung oder exklusive Kosmetik eingeschlagen in dem seidig anmutenden Papier.

Fazit

Ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass die Seide die Geschichte Chinas über Jahrtausende prägte. Das feine Gewebe nahm auf die Entstehung der Seidenstraße Einfluss, der bedeutenden Handelsroute in der Antike. Bis heute gehört es aufgrund seiner positiven Eigenschaften zu den beliebten Materialien für Kleidung und Heimtextilien.

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Verfasst von Hajo Simons

arbeitet seit gut 30 Jahren als Wirtschafts- und Finanzjournalist, überdies seit rund zehn Jahren als Kommunikationsberater.
Nach seinem Magister-Abschluss an der RWTH Aachen in den Fächern Germanistik, Anglistik und Politische Wissenschaft waren die ersten beruflichen Stationen Mitte der 1980er Jahre der Bund der Steuerzahler Nordrhein-Westfalen (Pressesprecher) sowie bis Mitte der 1990er Jahre einer der größten deutschen Finanzvertriebe (Kommunikationschef und Redenschreiber).